mir in Fülle feinere Möglichkeiten ein. Es war weniger ein neues Mittel als eine neue Dimension, die der erfindende Geist anbahnte, ein Schlüssel, der viele Kammern öffnete. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man diese Wesen nach dem Vorbild des Blumenreiches als Liebesboten zwischen Menschen verwendete? Doch halten wir uns lieber an handfestere Kapitel der Zoologie. Und das Parlament müßte gesucht werden, das dafür auch nur zehn Pfund bewilligte.


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Der Anblick hatte mich zunächst als Spiel erheitert, sodann als Kombination entzückt. Nun aber erfaßte ich seine mächtige Bedeutung und war berauscht wie ein Goldsucher, der das Land Ophir betreten hat. Warum mochte der Alte mir den Zutritt in diesen Garten gewährt haben?


»Seien Sie mit den Bienen vorsichtig!« Wie hatte doch alles, was er sagte, einen anderen Sinn als den vermuteten. Es mochte vielleicht bedeuten, daß ich kaltes Blut bewahren sollte, und wirklich fühlte ich, daß das


Schauspiel an den Angeln des Geistes rüttelte. Wahrscheinlich hatte der Meister es mir als Prüfung zugedacht. Das war der praktische Teil. Er wollte wissen, ob ich seine Tragweite erfaßte, ob ich dem Gedanken gewachsen war. Ob sich vielleicht Carettis Kopf in diesem Park verwirrt hatte?


»Seien Sie mit den Bienen vorsichtig« — das konnte auch eine Warnung vor Neugier sein. Vielleicht wollte er sehen, wie ich mich angesichts des offenbarten Geheimnisses verhielt. Aber ich hatte mich noch nicht von meinem Stuhl bewegt.


Auch war ich zu beschäftigt, um über mein Verhalten nachzudenken; das Treiben fesselte mich ganz und gar. Wenn früher eine Erfindung gemacht wurde, so war sie ein Treffer, über dessen Bedeutung oft der Erfinder sich wenig im Klaren war. Die Konstruktionen, die dürftigen Gestänge in den Museen rufen ein Lächeln hervor. Hier aber war ein neuer Gedanke nicht nur in seinen Konsequenzen begriffen, sondern zugleich auf breiter Fläche und in den Einzelheiten ausgeführt. Man hatte ein Modell geschaffen, das die praktischen Forderungen übertraf. Das ließ auf viele Mitarbeiter, auf viele Mitwisser schließen, und ich begriff Zapparonis Sorge um die Geheimhaltung.


Im Laufe des Nachmittags nahm die Zahl der fliegenden Objekte erheblich zu. Im Zeitraum von zwei, drei Stunden raffte sich eine Entwicklung zusammen, an der ich während eines Lebens teilgenommen hatte — ich meine die Verwandlung einer außerordentlichen Erscheinung in eine typische. Das hatte ich mit den Automobilen, den Flugzeugen erlebt. Zunächst erstaunt man über die Erscheinung, die vereinzelt auftritt, und endlieh sieht man sie zu Legionen in blitzenden Zügen vorbeischwirren. Nicht einmal die Pferde wenden mehr den Kopf. Der zweite Anblick ist erstaunlicher, aber wir traten in das Gesetz der Serie, in die Gewohnheit ein.


Zapparoni mußte die Entwicklung dieser Automaten doch schon weit vorgetrieben, schon auf das Laufende Band gebracht haben, soweit das in seinen Werken möglich war. Es sah indessen nicht aus, als ob er hier eine neue Handelsware vorbereitete — eine der Überraschungen, die er alljährlich in seinen Katalogen auftischte. Das mochte später einmal abfallen. Es mußte ein in sich geschlossenes Unternehmen sein; das wurde deutlich, als sich das Treiben in einer Weise steigerte, die an eine Schwarmzeit oder an eine Hauptverkehrsstunde erinnerte. Es zweigte sich nun in Strängen auch in andere Teile des Parkes ab.


Organisatorisch betrachtet, ließ der Umtrieb verschiedene Deutungen zu. Es war kaum anzunehmen, daß ein zentrales Kraftwerk vorhanden war. Das war nicht Zapparonis Stil. Für ihn hing der Rang eines Automaten von seiner Selbständigkeit ab. Sein Welterfolg beruhte darauf, daß er im Haus, im Garten, auf kleinstem Räume einen geschlossenen Wirtschaftskreis ermöglicht hatte; er hatte den Drähten, den Leitungen, den Röhren, den Geleisen, den Anschlüssen den Krieg erklärt. Das führte weit ab vom Werkstil des 19. Jahrhunderts und seiner Häßlichkeit.


Eher dachte ich schon an ein Verteilerwesen, an Laboratorien, Akkumulatoren und Tankstellen. Es konnten Stoffe abgeliefert und in Empfang genommen werden, wie hier an den Bienenständen, zu denen nicht nur Nektar gebracht, sondern von denen offensichtlich auch Kraft empfangen wurde, denn ich sah, wie die gläsernen Gebilde förmlich abgeschossen wurden, wenn sie sich entleert hatten.


Die Luft war nun von einem hellen, gleichmäßigen Pfeifen erfüllt, von einem Pfeifen, das zwar nicht einschläferte, wohl aber die Aufmerksamkeit hypnotisch abdichtete. Ich mußte mich anstrengen, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, um nicht Visionen anheimzufallen, die Zapparonis Thema aus eigenem fortspannen.


An gläsernen Bienen hatte ich, wie gesagt, verschiedene Modelle beobachtet. Seit einiger Zeit tauchten in ihrem Strudel noch andere Apparate auf. Sie waren auf das Mannigfaltigste an Größe, an Form und Farbe unterschieden und hatten offenbar nicht das Mindeste mehr mit Bienen und Imkerei zu tun. Diese neuen Gebilde mußte ich nehmen, wie sie kamen — ich hielt mit der Ausdeutung nicht Schritt. So mag es uns gehen, wenn wir an einem Riff die Tiere betrachten — wir sehen Fische und Krebse, erkennen auch die Medusen, dann aber steigen Wesen aus der Tiefe, die uns unlösbare, beängstigende Rätsel aufgeben. Ich war hier wie ein Mensch aus der Kulturzeit, den man an eine Kreuzung stellt. Er wird nach einigem Erstaunen leicht erraten, daß die Automobile eine neue Art von Kutschen sind. Dazwischen aber bestürzen ihn Konstruktionen in Callots Manier,


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Kaum also in Zapparonis Einrichtung eingestiegen, hatte ich mir Verbesserungen ausgedacht. Das liegt im Zug der Zeit. Als nun die undurchsichtigen Figuren auftauchten, begann ich unruhig, vexiert zu werden; auch das ist ein Zug der Zeit, deren Rangordnung sich durch die Beherrschung der Apparaturen bestimmt und in der die Technik Schicksal geworden ist. Es ist beschämend, hier nicht auf der Höhe zu sein und sich der Verblüffung hinzugeben wie ein Kaffer, vor dessen Augen man ein Streichholz anreißt oder vor dessen Ohr man eine Uhr ticken läßt. Freilich gibt es solche Kaffern nicht mehr. Man wird schon von Kind an auf den Zusammenhang dressiert.


In meiner Schulzeit und auch, als ich bei Monteron diente, war das noch ein wenig anders, obwohl wir auch schon in der methodischen Eroberung gedrillt wurden. Es gab doch eine gewisse Beschäftigung mit dem, was im Inneren des Menschen vor sich geht. Ich meine damit natürlich nicht die Psychologie. Nachdem mich der Mann aus Manchester aus dem Sattel geholt hatte, wußte ich, worauf es ankam, und holte das Versäumte nach. Er hatte mich denken gelehrt, mich auf den Schwung gebracht.


Was mochten die neuen Apparate zu bedeuten haben, die sich in die Bienenschwärme einmischten? Es blieb immer das gleiche: kaum hatte man eine neue Technik begriffen, so zweigte sie auch schon ihre Antithese aus sich ab. In die gläsernen Ströme reihten sich bunte Individuen ein wie Porzellanperlen in eine Glaskette. Sie waren schneller, wie etwa in einer Autokolonne Wagen der Rettungswache, der Feuerwehr, der Polizei. Andere kreisten in der Höhe über dem Verkehr. Sie mußten größeren Umfang haben; ihn zu bestimmen fehlten mir die Maßstäbe. Besonders beschäftigten mich die grauen Apparate, die vor den Ständen und nun auch ganz in der Nähe das Terrain abflogen. Zu ihnen gehörte einer, der wie aus mattem Hörn oder aus Rauchquarz geschnitten war. Er kreiste schwerfällig in geringer Höhe um die Laube, sodaß er fast die Tigerlilien streifte, verharrte auch hin und wieder reglos in der Luft. Wenn sich Panzer im Gelände verteilen, überschweben Beobachter sie auf ähnliche Art. Vielleicht war hier eine Aufsicht oder eine Befehlszelle. Ich behielt diesen Rauchgrauen besonders im Auge und suchte zu ermitteln, ob seinen Bewegungen Veränderungen in der Masse der Automaten-schwärme korrespondierten oder nachfolgten.


Die Beurteilung der Größenverhältnisse war schwierig, weil es sich um Objekte handelte, die außerhalb der Erfahrung lagen und für die im Bewußtsein keine Norm gegeben war. Ohne Erfahrung gibt es kein Maß. Wenn ich einen Reiter, einen Elefanten, einen Volkswagen sehe, gleichviel auf welche Entfernung, kenne ich sein Maß. Hier aber wurde der Sinn verwirrt.


In solchen Fällen pflegen wir auf die Erfahrung zurückzugreifen, indem wir Teststücke zu Rate ziehen. Ich suchte also, wenn der Rauchkopf sich in meinem Feld bewegte, gleichzeitig einen bekannten Gegenstand zu erhaschen, der mir den Maßstab gab. Das war nicht schwierig, da der Graue seit einigen Minuten zwischen mir und dem nächsten Sumpfloch pendelte. Diese Minuten, während deren ich, die Augen an den Quarz geheftet, langsam den Kopf bewegte, wirkten besonders einschläfernd. Ich konnte nicht sagen, ob die Veränderungen, die ich auf der Oberfläche des Automaten zu erkennen glaubte, sich in der Wirklichkeit abspielten oder nicht. Ich sah Farbwechsel wie bei optischen Signalen, so ein Erblassen und dann ein jähes, blutrotes Aufleuchten. Dann wurden schwarze Auswüchse sichtbar, die sich wie Schnecken-hörner ausstülpten.


Bei alldem vergaß ich nicht, die Größe abzuschätzen, wenn der Rauchgraue den Pendelschlag verkehrte und für die Dauer einer Sekunde über dem Sumpfloch stand. Waren die Automatenschwärme nun abgezogen oder sah ich sie nicht mehr, weil ich gefesselt war? Jedenfalls war es ganz still im Garten und ohne Schatten, wie es in Träumen ist.


»Ein Quarzschliff von der Größe eines Enteneies« — zu dem Schluß kam ich, als ich den Rauchgrauen mit dem Schilfkolben verglich, an den er fast anstreifte. Solche Schilfkolben kannte ich gut aus meiner Kindheit; wir hatten sie »Zylinderputzer« genannt und uns bei den Versuchen, sie zu pflücken, im Schlamm den Anzug ruiniert. Man mußte abwarten, bis es gefroren hatte, aber auch dann war die Annäherung gefährlich, denn das Eis war an den Schilfgürteln brüchig und mit Entenlöchern durchsetzt.


Ein ideales Teststück war die Mücke, die das Blatt des Sonnentaues zierte wie eine in Rubin geritzte Miniatur. Auch der Sonnentau war mir altbekannt. Wir hatten ihn bei unseren Streifereien in den Mooren ausgegraben und in die Terrarien gepflanzt. Die Botaniker bezeichnen ihn als »fleischfressende Pflanze« — diese barbarische Übertreibung hatte das zierliche Kräutlein bei uns in Ansehen gesetzt. Wenn der Rauchkopf, der jetzt niedriger pendelte und fast den Rand des Sumpfloches streifte, zugleich mit dem Sonnentau von meinem Perspektiv erfaßt wurde, sah ich, daß er in der Tat, verglichen mit den Bienen, von beträchtlicher Größe war.


Die angestrengte, eintönige Beobachtung birgt die Gefahr von Visionen, wie jeder weiß, der im Schnee oder in der Wüste ein Ziel verfolgte oder der endlose, schnurgerade Straßen befuhr. Wir beginnen zu träumen; die Bilder gewinnen Macht über uns.---------


»Der Sonnentau ist also doch eine fleischfressende Pflanze, ein kannibalisches Gewächs.«


Warum mochte ich das gedacht haben? Es kam mir vor, als hätte ich die roten, mit klebrigen Fangnäpfen befransten Blätter in riesiger Vergrößerung gesehen. Ein Wärter warf ihnen Futter vor.


Ich rieb mir die Augen. Ein Traumbild hatte mich genarrt in diesem Garten, in dem das Winzige groß wurde. Aber zugleich hörte ich ein grelles Signal in meinem Inneren wie einen Wecker, wie die Alarmglocke eines Wagens, der sich mit brutaler Geschwindigkeit näherte. Ich mußte etwas Unerlaubtes, etwas Schändliches gesehen haben, das mich erschreckt hatte.


Hier war ein übler Ort. In großer Bestürzung sprang ich auf, zum erstenmal, seitdem ich mich gesetzt hatte, und visierte das Sumpfloch an. Der Rauchgraue war wieder näher gekommen; er hörte auf zu pendeln und umkreiste mich mit ausgeschwenkten Fühlhörnern. Ich achtete nicht auf ihn. Mich fesselte das Bild, auf das er meinen Blick geführt hatte wie ein Vorstehhund auf die Rebhühner.


Der Sonnentau war winzig wie zuvor. Eine Mücke war schon eine gute Mahlzeit für ihn. Doch neben ihm im Wasser lag ein roter obszöner Gegenstand. Ich faßte ihn scharf in das Glas. Jetzt war ich hellwach; es konnte kein Augentrug sein.


Das Sumpfloch war von Schilfhalmen umgittert, durch deren Lücken ich die braune, moorige Pfütze sah. Blätter von Wasserpflanzen bildeten darauf ein Mosaik. Auf einem dieser Blätter lag der rote obszöne Gegenstand. Er hob sich klar von ihm ab. Ich prüfte ihn noch einmal, aber es konnte kein Zweifel bleiben: es war ein menschliches Ohr.


Hier war kein Irrtum möglich: ein abgeschnittenes Ohr. Und ebensowenig war zu bestreiten, daß ich bei klarem Verstande, in ungetrübter Urteilskraft war. Ich hatte weder Wein getrunken noch eine Droge eingenommen, nicht einmal eine Zigarette geraucht. Ich hatte seit langem, schon meiner leeren Taschen wegen, auf das nüchternste gelebt. Auch zähle ich nicht zu den Leuten, die wie Caretti plötzlich dies oder jenes sehen.


Ich begann nun, das Sumpfloch methodisch und mit sich steigerndem Entsetzen abzusuchen: es war mit Ohren besät! Ich unterschied große und kleine, zierliche und grobe Ohren, und alle waren mit scharfen Schnitten abgetrennt. Einige lagen auf den Blättern der Wasserpflanzen wie das erste, das ich bei der Verfolgung des Rauchkopfes entdeckt hatte. Andere waren halb von den Blättern verdeckt, und wiederum andere schimmerten undeutlich durch das braune Moorwasser.


Bei diesem Anblick erfaßte mich eine Welle der Übelkeit wie einen Wanderer, der auf einem Strandgang unversehens auf die Feuerstelle von Kannibalen stößt. Ich erkannte die Provokation, die schamlose Herausforderung, die er umschloß. Er führte auf eine tiefere Stufe der Wirklichkeit. Es war, als ob das Automatentreiben, das mich eben noch so völlig im Bann gehalten hatte, verschwunden wäre; ich nahm es nicht mehr wahr. Ich hielt für möglich, daß es eine Spiegelung gewesen war.


Zugleich berührte mich ein eisiger Anhauch, die Nähe der Gefahr. Ich fühlte meine Knie schwach werden und ließ mich in den Sessel zurückfallen. Ob wohl mein Vorgänger in ihm gesessen hatte, bevor er verschwunden war? Vielleicht hatte ihm eines dieser Ohren gehört? Ich fühlte einen glühenden Strich am Haaransatz. Jetzt ging es nicht mehr um eine Anstellung. Jetzt ging es um Kopf und Kragen, und wenn ich heil aus diesem Garten herauskommen würde, konnte ich von Glück sagen.


Der Fall mußte durchdacht werden.


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Offenbar ist jetzt der Augenblick gekommen, an dem von Moral gesprochen werden muß. Das ist einer meiner schwachen Punkte; ich will mich daher kurz fassen. Mein Unstern ließ mich in einer Zeit geboren werden, in der soviel moralisiert und zugleich soviel gemordet wurde wie in keiner anderen. Ohne Zweifel besteht zwischen diesen beiden Erscheinungen ein Zusammenhang. Ich fragte mich zuweilen, ob es sich um einen Zusammenhang a priori handele, indem diese Schwätzer von vornherein Kannibalen sind, oder um einen Zusammenhang a posteriori, indem sie sich auf eine Höhe hinauf moralisieren, die für die anderen gefährlich wird.


Sei dem, wie ihm sei; ich war immer zufrieden, wenn ich einem Menschen begegnete, der seinen Eltern ein wenig Mutterwitz und häuslichen Anstand verdankte, ohne daß er große Systeme benötigte. Mehr will auch ich nicht beanspruchen als Mann, der im Leben nach Strich und Faden moralisiert worden ist, moralisiert von Lehrern und Vorgesetzten, von Polizisten und Journalisten, von Juden und Christen, von Älplern, Insulanern und Bewohnern der Ebenen, von Halsabschneidern und Nobiles, die alle nie ein Wässerchen getrübt hatten. Ich konnte keine weiße Weste mehr sehen. Zapparoni hatte recht: wenn die Dinge schief gehen, erhebt sich auf der ganzen Linie ein Jubelgeschrei. Dabei hatte er noch nicht einmal veranschlagt, daß nicht nur der Gegner triumphiert. Nun erheben sich feindlich, die rechts und links neben einem gelegen haben und munter waren, solange es voran ging. Sie zeigen die weiße Weste vor. Da steht man inmitten der weißen Westen wie ein Schiffbrüchiger, der an der Klippe der Pinguine gescheitert ist. Der Hundsstern steht im Zenith. Das gehört zur Befahrung der Neuen Welt.


Eigentlich hätte mich die Begeisterung, in die ich beim Einblick in Zapparonis Garten geraten war, stutzig machen sollen; sie kündete nichts Gutes an. Ich war da leichtsinnig gewesen und hatte doch meine Erfahrungen. Aber wer hat diese Erfahrungen nicht?


Die brutale Vorweisung abgeschnittener Gliedmaßen hatte mich bestürzt. Doch war sie das in diesem Zusammenhange fällige Motiv. Gehörte sie nicht notwendig zur technischen Perfektion und ihrem Rausch, den sie beendete? Gab es in irgendeinem Abschnitt der Weltgeschichte soviel zerstückelte Leiber, soviel abgetrennte Glieder wie in dem unseren? Seit Anbeginn führen die Menschen Kriege, doch ich entsinne mich aus der ganzen Ilias nicht eines Beispiels, in dem der Verlust eines Armes oder eines Beines berichtet wird. Die Abtrennung behielt der Mythos den Unmenschen, den Unholden vom Schlage des Tantalus oder des Prokrustes vor.


Man braucht sich nur auf einen Bahnhofsvorplatz zu stellen, um zu sehen, daß bei uns andere Regeln obwalten. Wir haben seit Larrey Fortschritte gemacht, und nicht nur in der Chirurgie. Es gehört zu unseren optischen Täuschungen, daß wir diese Verletzungen auf den Unfall zurückführen. In Wahrheit sind die Unfälle Folgen von Verletzungen, die bereits in den Keimen unserer Welt stattfanden, und die Zunahme der Amputationen gehört zu den Anzeichen dafür, daß die sezierende Denkart triumphiert. Der Verlust fand statt, ehe er sichtbar in Anrechnung gebracht wurde. Der Schuß ist längst abgefeuert — wo er dann als Fortschritt der Wissenschaft auftritt, und sei es auf dem Monde, gibt es ein Loch.


Menschliche Vollkommenheit und technische Perfektion sind nicht zu vereinbaren. Wir müssen, wenn wir die eine wollen, die andere zum Opfer bringen; bei diesem Entschlüsse beginnt der Scheideweg. Wer das erkannt hat, wird sauberer arbeiten, so oder so.


Die Perfektion strebt dem Berechenbaren, und das Vollkommene dem Unberechenbaren zu. Perfekte Mechanismen umstrahlt daher ein unheimlicher, aber auch faszinierender Glanz. Sie rufen Furcht hervor, aber auch einen titanischen Stolz, den nicht die Einsicht, sondern nur die Katastrophe beugt.


Die Furcht, aber auch die Begeisterung, die uns der Anblick perfekter Mechanismen mitteilt, ist das genaue Gegenstück zu dem Behagen, mit dem uns der Anblick des vollkommenen Kunstwerkes beglückt. Wir spüren den Angriff auf unsere Intaktheit, auf unser Ebenmaß. Daß Arm und Bein gefährdet werden, ist noch das Schlimmste nicht.


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Soviel, um anzudeuten, daß die Reihenfolge der Bilder und auch der Stimmungen in Zapparonis Garten weniger sinnlos war, als sie mir im ersten Schreck erschien. Dem Rausch, mit dem ich an der Entfaltung des technischen Ingeniums teilgenommen hatte, folgte das Kopfweh, der Katzenjammer, folgten die Zeichen grausamer Verstümmelungen nach. Das eine fordert das andere heraus.


Natürlich konnte die Vermittlung dieser Einsicht nicht in Zapparonis Plan liegen. Er hatte andere Absichten. Dennoch verbirgt jede Wendung im Machtkampf eine Belehrung, die über die Absicht beider Partner hinausführt — das deutet auf höheren Anteil hin.


Zapparoni wollte ohne Zweifel Schrecken hervorrufen. Das war ihm durchaus gelungen, und sicher triumphierte er in seinem Kabinett bereits darüber, daß ich ins Garn gegangen war. Wahrscheinlich saß er dort behaglich bei seinen Büchern und verfolgte zuweilen auf dem Bildschirm, was ihm der Rauchgraue sendete. Er würde sehen, wie ich mich verhielt. Zum Glück hatte ich keine Selbstgespräche geführt. In dieser Hinsicht besaß ich ja Erfahrungen. Aber es war dumm, daß ich aufgesprungen war.


In solchen Fällen war früher der erste und auch der richtige Gedanke der einer Anzeige. Jeder, der während eines Waldspazierganges einen scheußlichen Fund machte, hätte so verfahren; man rief die nächste Polizeiwache an.


Diesen Gedanken schloß ich von vornherein aus. Die Jahre, in denen ich für Bravourstücke Sinn gehabt hatte, waren vorbei. Zapparoni bei der Polizei anzeigen, das hieß Pontius bei Pilatus verklagen, und ich konnte mir an den Fingern abzählen, daß ich es sein würde, der noch an diesem Abend als Ohrabschneider hinter den Gittern verschwand. Das würde ein Fressen für die Nachtausgaben sein. Nein, dazu konnte mir nur jemand raten, der dreißig Jahre Bürgerkrieg verträumt hatte. Die Worte hatten ihren Sinn geändert, auch Polizei war nicht mehr Polizei.


Übrigens, um auf den Spaziergänger zurückzukommen — er würde wohl auch heute noch den Fund eines Ohres anzeigen. Was aber, wenn er in ein Waldstück käme, in dem, als ob sein Auge auf Fliegenpilze fiele, Ohren in Menge herumlägen? Dann war darauf zu wetten, daß er sich auf leisen Sohlen zurückzöge. Vielleicht erfuhr sein bester Freund, ja seine Frau nicht einmal von dem Fund. In dieser Hinsicht sind wir hellhörig.


»Den Fund laß liegen« — das war der Grundsatz, nach dem hier zu verfahren war. Allerdings brachte mich das in eine andere Gefahr. Ich würde eine Schandtat ignoriert und die sich handgreiflich aufdrängende Nächstenpflicht versäumt haben. Von da bis zur Unmenschlichkeit ist nur ein Schritt.


Die Lage war auf alle Fälle mißlich, gleichviel ob ich sie durch Handeln oder Nichthandeln beantwortete. Am besten verfuhr ich nach dem Rate, den ich einmal in einem Wiener Cafehaus gehört hatte. »Gar nicht erst ignorieren« — das war das Gebotene.


Auch dann blieben unangenehme Aussichten. Zapparoni konnte scheitern, Bankerott machen. Er wäre nicht der erste Übermensch, der so verschwand. Was ich in seinem Garten gesehen hatte, ähnelte mehr einer Probemobilmachung als der Musterschau einer Weltfirma. Das konnte ein böses Ende nehmen, und in diesem Falle würde sich ein Sturm der Entrüstung erheben, bei dem jene, die heute im sicheren Winkel saßen, wetteifern würden mit jenen, die dem mächtigen Zapparoni Weihrauch gestreut hatten. Die einen wollten sich entschädigen, die anderen entschuldigen. All diese Pinguine würden sich aber in bezug auf den verkommenen Rittmeister, der in den Skandal mit den abgeschnittenen Ohren verwickelt war, einig sein. »Weder etwas gehört noch gesehen — der klassische Fall«, sagte der Vorsitzende, und über den weißen Westen nickten die Köpfe der Beisitzer.


Da mein Hundsstern mich unweigerlich zu den Besiegten führte, war ich bereits des öfteren auf diese Art belehrt worden — sogar durch solche, die ich durch Jahre und noch am Vorabend der Niederlage als Gäste an meinem Tisch gehabt hatte. Nun warteten sie im zerstörten Vaterhause in weißer Lakaienweste den Siegern beim Festmahl auf.


Was mich betrifft, so wollte ich lieber meine alte Weste anbehalten; ich hatte mich an sie gewöhnt. Sie war mir lieb geworden, obwohl sie Schaden genommen hatte auf langen Märschen und an heißen Tagen, an dem uns das Feuer vom Hut gesprungen war. Sie war gezeichnet vom Schlamm der Gräben, vom Staub der Barrikaden, auch Löcher waren drin. Das waren Löcher, die tiefer gingen als auf die Weste und tiefer als auf die Haut. Es war zwar keine weiße, doch eine gute, bewährte Weste; sie hatte Monarchien und Republiken überlebt. In dieser Weste sollten sie mich zu Grabe tragen und ihren Senf sparen.


Ich stellte mir gern mein Begräbnis vor; das war eine Schwäche von mir. Ich würde arm und ruhmlos sterben, aber vermutlich würden zwei, drei Leichte Reiter neben Theresa am Grabe stehn. Sie würden am Abend ein Glas trinken. Wahrscheinlich würde Tommy Gilbert wieder betrunken sein. Es war mir schon früh aufgefallen, daß ein paar Tropfen dazu genügten, und deshalb hatte es mich gewundert, daß er nie Geld hatte. Des Rätsels Lösung lag darin, daß er eigentlich immer leicht angeheitert war. Das war sein normaler Stand. Schon in Ostpreußen hatte er mit einem Achtel Branntwein gefrühstückt, bevor es in die eisige, von blakenden Laternen erhellte Reitbahn ging, in der man den Atem der Männer und Pferde sah, als ob silberne Trompeten ihn ausstießen. Ein Gläschen genügte, daß Tommy Gilbert sentimental wurde. Man hatte dann seinen Spaß an ihm. Er würde erzählen, was wir hier und dort getrieben hatten, denn er kannte mich gut. Er würde es tun, weil er gern Anekdoten erzählte, aber auch, um Theresa ein wenig aufzuheitern, und wirklich würde, wie ein Sonnenstrahl nach einem trüben Tage, ein Lächeln ihre Züge aufhellen. Das war mir lieber, als wenn ein Superintendent redete. Ich hatte nie gelitten, daß Theresa in dunklen Kleidern ging. Es würde ein schöner Tag werden.


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Vorläufig war ich von solchem guten Ende noch weit entfernt. Ich steckte in einer Lage, in der man nur Fehler machen kann. Jetzt handelte es sich nur noch darum, den geringsten auszuklügeln und den Kopf halbwegs aus der Schlinge zu ziehen, damit ich wieder zu Theresa kam. Ich konnte sie nicht allein lassen. Es war gut, daß ich mich noch nicht von der Stelle bewegt hatte. Daß ich aufgesprungen war, wollte schließlich nicht viel besagen; das konnte auch wegen des Rauchkopfes geschehen sein. Ich wandte die Augen von dem Sumpfloch ab und legte, als ob ich müde wäre, den Kopf in die Hand.


Es ging jetzt darum, mit heilen Gliedern aus dem Park herauszukommen, was offenbar Caretti nicht gelungen war. Mochten sie sich hier soviel Ohren abschneiden, wie sie wollten, moralische Bedenken sollten mich nicht anfechten. Sie waren es nicht, was mir die Gedanken verwirrte, sondern etwas anderes, das sich im Zwerchfell zusammenballte, physische Übelkeit.


Ich suchte das Gefühl zurückzudrängen, es war mir von Kind auf bekannt. Es lag unterhalb der moralischen Sphäre und war ohne Verdienst, wie der Widerwille gegen bestimmte Speisen nichts ist, dessen man sich rühmen kann. Es gibt Menschen, denen der Genuß, ja schon der Anblick von Erdbeeren oder von Krebsen unzuträglich ist, das rote Gericht überhaupt. Andere, wie ich zum Beispiel, können keine abgeschnittenen Ohren sehen.


Dabei hatte ich in meiner guten Zeit nichts gegen Gewalttaten. Sie waren mir aber nur schmackhaft unter halbwegs Gleichen; es mußte Parität obwalten. Wenn etwa beim Säbelfechten ein Ohr verloren gegangen wäre, so hätte mich das zwar auch als eine höchst unangenehme Sache, doch nicht als eine in diesem Sinne widrige berührt. Das sind Nuancen, die kaum noch unterschieden werden, aber, wie häufig Nuancen, fast alles ausmachen.


Fehlte die Gleichheit, so nahm das Widrige Überhand. Der Mangel an Gleichgewicht rief ein Gefühl der Seekrankheit hervor. Der Gegner mußte bewaffnet sein, oder er war kein Gegner mehr. Ich liebte die Jagd und mied die Schlachthäuser. Das Fischen war meine Leidenschaft. Ich wurde ihrer überdrüssig, als ich hörte, daß man Bäche und Teiche elektrisch bis auf den letzten Stichling ausfischen kann. Die reine Tatsache, das bloße Hörensagen genügte; ich nahm von da an keine Angel mehr in die Hand. Ein kalter Schatten war auf die Forellenstrudel gefallen und auf die Altwässer, in denen die moosigen Karpfen und Waller träumen, und hatte sie ihres Zaubers beraubt. Hier war wieder einer unserer mathematischen Kretins am Werke gewesen, zu deren Merkmalen die Verwechslung von Kampf und Mord gehört. Ohne Zweifel hatte man ihm einen ganz großen Orden dafür verpaßt.


Es war nicht Tugend, es war reiner Ekel, der mein Inneres revoltierte, wenn ich viele über einen, einen Großen über einen Kleinen oder selbst eine Dogge über einen Zwergspitz herfallen sah. Das war eine frühe Spielart meines Defaitismus und später ein veralteter Zug, der mich in unserer Welt nur schädigte. Ich machte ihn mir auch oft zum Vorwurf, indem ich mir sagte, daß man, wenn man nun einmal vom Pferd in den Panzer gestiegen ist, auch im Denken umlernen muß. Doch handelt es sich um Dinge, die der Gedanke schwer bezwingt.


Mit den Wölfen muß man heulen, sonst macht man böse Erfahrungen. Das wurde mir zum erstenmale durch Arje Hanebut beigebracht, und zwar nachdrücklich. Da dieses erste Mal schon die volle Tücke meines Hundssterns zeigte, sei es hier für alle folgenden erwähnt.


Wenn wir uns unserer Lehrmeister entsinnen, werden wir auch auf jenen stoßen, der uns aus der Kindheit in den Abschnitt führte, den man die Flegeljahre nennt. Das wurde bei mir und anderen Nachbarssöhnen durch Atje Hanebut besorgt. Er mochte damals sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein und übte eine unbeschränkte Herrschaft über eine Bande von Zwölfjährigen aus. Er brachte uns einen neuen Begriff von Autorität bei, Bewunderung für einen Anführer, für den man durch Feuer und Wasser geht. Ein solcher erfüllt nicht nur unser tägliches Sinnen und Trachten, sondern wir träumen auch von ihm. Diese in die Traumwelt reichende Herrschaft ist ein sicheres Kennzeichen. Man ist gefangen, sowie man von jemandem, sei es im Guten, sei es im Bösen zu träumen beginnt. Auch von einem guten Autor ist zu verlangen, daß man von ihm träumt. Da beginnt seine Macht.


Wir wohnten am Rande der Stadt, in der Weinstraße, in der jedes Haus in einem großen Garten stand. Sie mündete auf eine Wiesenfläche, die alljährlich zum Eislauf überschwemmt wurde. In frühen Wintern blieben manche Stücke ungemäht. Ich sah dann die Blumen, den eingefrorenen Sommer, unter der Eisdecke. Die Mutter beklagte sich über diese Überschwemmungen, weil sie im Herbst zahllose Mäuse ins Haus trieben.


Die Wiesenfläche führte hinter dem Försterteiche in das Uhlenhorster Moor, während an ihre Längsseite eine


Kolonie von Kleingärtnern grenzte, die von uns die Kosaken genannt wurden. Unser Nachbar war Hofrat Me-ding, ein namhafter Arzt alter Schule, der das Leben eines großen Herrn führte. Er hielt Koch und Kutscher neben anderer Dienerschaft. In seinem Sprechzimmer stand ein Zylinderbüro aus Mahagoni, auf dem immer Rezepte lagen; sie waren mit Goldstücken beschwert. Arme Patienten kurierte er um Gotteslohn.


Wir durften in des Hofrats parkartigem Garten spielen, der stark verwildert war. Natürlich übten die Pferde die Hauptanziehung aus. Wir kannten Stall, Remise und Futterboden in jedem Winkel und waren auch in der Kutscherwohnung zuhaus. Es war ein Glück, daß wir Wilhelm Bindseil, den Sohn des Kutschers, zum Freund hatten.


In der Bindseiischen Familie hatten die Pferde von jeher eine große Rolle gespielt. Der alte Bindseil war Tilsiter Dragoner gewesen; man konnte ihn noch mit flottem Schnurrbart auf dem Schwadronsbild finden, das in der Stube hing. Darunter stand das Motto: »Li-thauische Dragoner schonen nicht und wollen nicht geschont werden.« Wenn man den alten Bindseil ansah, konnte man sich das schwer vorstellen. Er sprach verworren, und wenn er etwas nicht schonte, so war es die Köhmbuddel.


Sein Bruder, Wilhelms Onkel, war sogar Portier bei der Reitschule. Er trug das Eiserne Kreuz Erster Klasse und hatte den Ritt von Mars-la-Tour mitgemacht. Wilhelm nahm uns zuweilen mit, und wir bewunderten von ferne den großen Mann. Mein Vater sah das nicht ungern; er schenkte uns Bücher, die uns in dieser Richtung ermunterten. Wir lasen »Ein deutsches Reiterleben«, »Erinnerungen eines Lützower Jägers«, »Der Große König und sein Rekrut«.


Schon damals dehnten wir unsere Streifereien bis zum Moore aus. Es war aber immer ein Wagnis, und wir blieben ganz in den Gärten, als die Sache mit der Feldscheune dazwischen gekommen war. Wir hatten auf einem Moordamm ein Feuerchen gemacht. Hermann, mein kleiner Bruder, trug glimmende Reiser hin und her, mit denen er zündelte. Plötzlich sahen wir einen dürren Schilfgürtel hoch aufflammen. Gleich danach saß das Feuer im Heidekraut. Zuerst versuchten wir, es mit Zweigen auszuschlagen, aber es fraß sich in das Moor ein, das trocken wie Zunder war; und als wir schon vom Löschen und von der Hitze ganz matt waren und unsere Sohlen glühten, züngelte es an der Feldscheune.


Da ließen wir die Zweige fallen und liefen, als ob der Teufel hinter uns her wäre, in die Stadt. Aber auch dort kamen wir nicht zur Ruhe, das Bewußtsein der Untat trieb uns umher. Endlich nahmen wir die Sparbüchse zu Rate und bestiegen den gotischen Turm der Stadtkirche, der an hundert Meter hoch war. Eine Turmbesteigung kostete zehn Pfennige. Dafür hatten wir das grausige Schauspiel des Moorbrandes, zu dessen Bekämpfung drei Feuerwehren ausgerückt waren, aus der Vogelschau. Schon wackelten uns nach den zahllosen Stufen die Knie, und als wir ans der Ferne das Tuten der Feuer-hörner hörten und den brandroten Himmel erblickten, wurde uns schwach bis zum Umfallen. Wir wankten hinunter, schlichen uns durch die Altstadtstraßen nach Hause und verkrochen uns ins Bett. Zum Glück fiel kein Verdacht auf uns. Doch lange Zeit wurde ich von Feuerträumen geplagt, fuhr in den Nächten schreiend auf, sodaß Hofrat Meding gerufen wurde, der die Eltern beruhigte und Baldriantropfen verschrieb. Er meinte, es sei der Übergang.


Das lag noch ganz in der Kinderwelt. Einige Monate später, als Atje Hanebut seine Herrschaft angetreten hatte, hätte er vielleicht sogar ein Heldenstück daraus gemacht. Er legte großen Wert auf Findigkeit, die keine Spuren hinterläßt, und gab uns Aufgaben, die darauf abzielten. So hatte er bald nach unserer Bekanntschaft erfahren, daß ein anderer Nachbarssohn, Clamor Boddsiek, seinen Eltern einen Taler gestohlen hatte, den er irgendwo verborgen haben mußte, damit noch einige Zeit über den Frevel verging. Atje beauftragte uns mit der Nachforschung. Es nimmt mich heute noch wunder, daß wir durch raffinierte Kombinationen Clamor Boddsieks Versteck ausmachten; das hätte einem Hellseher zur Ehre gereicht. Wir hatten seinen Bewegungsraum in kleine Quadrate eingeteilt, die wir absuchten. Er hatte die Münze in einen Blumentopf des elterlichen Vorgartens gesteckt. Wir nahmen sie an uns und lieferten sie Atje ab. Der Zug mag andeuten, mit welchem Eifer wir um seine Gunst bemüht waren. Moralisch gesehen war das natürlich schlimmer als der ganze Moorbrand, aber wir hatten nur Freude über unsere pfadfinderische Pfiffigkeit, als wir sahen, wie Boddsiek noch tagelang vergeblich an den Blumentöpfen herumdokterte.


Die Kutscher von Hofrat Meding wechselten häufig, der Dienst war anstrengend. Sie mußten lange im Freien warten, während der Hofrat seine Besuche machte, und hielten sich, besonders im Winter, an ihre Buddel, bis es dem Herrn zuviel wurde. Sie stiegen dann vom herrschaftlichen Kutscher zum Droschkenkutscher herab und warteten mit lackiertem Zylinder vorm Bahnhof auf Reisende. Auf diese Weise hatte der alte Hanebut den Vater von Wilhelm Bindseil abgelöst. Auch der alte Hanebut machte es kaum ein Jahr, denn der Hofrat wurde ungemütlich, wenn er merkte, daß die Pferde vom Fell fielen. Daß seine Kutscher »Supers« waren, nahm er nicht tragisch, aber die Tiere mußten ihr Recht haben.


Die Mutter Hanebut war eine bekümmerte Frau, die dem Hofrat aufwartete. Der Vater übte kaum Familienzucht. Er fuhr entweder Visite oder war im Stall beschäftigt; die übrige Zeit verbrachte er in einer Kneipe im Potthofe. Von dort ließ der Hof rat ihn holen, wenn es etwas Eiliges gab.


Der Sohn war Freiherr. Er nahm kleine, wechselnde Beschäftigungen an, trug für die Buchhändler Journalmappen aus und Bücher für die Leihbibliothek. Im Herbst begleitete er die Bauern, die mit Wagen voll Torf in die Stadt kamen oder »witten Sand« in den Straßen ausriefen. Die Jungen, die um seine Gunst buhlten, waren Gymnasiasten, gehörten also zu einer anderen Schicht als er. Das verhinderte nicht, daß er sie tyrannisch behandelte.


Mein Vater, der es gern gesehen hatte, daß wir uns an Wilhelm Bindseil hielten, war über den neuen Verkehr wenig erfreut. Einmal hörte ich, wie er im Nebenzimmer zur Mutter sagte:


»Dieser Atje vom neuen Kutscher ist ein schlechter Umgang — er bringt den Jungens richtige Proletenmanieren bei.«


Er meinte damit wahrscheinlich die Kanonenstiefel, die Atje Hanebut trug und derentwegen wir, die wir ihn in jeder Hinsicht nachahmten, unsere Mütter solange geplagt hatten, bis sie sie uns anschafften. Das waren Stiefel, mit denen man durch dick und dünn gehen konnte, durch Sumpf und Dickicht, unentbehrlich für Waldläufer.


Dieses Wort hatte Atje Hanebut bei uns zu großer Geltung gebracht; er verstand darunter übrigens weniger weiße als rote Waldläufer. Als er sah, daß wir zur Reitschule liefen, hatte er aus seiner Abneigung gegen die Soldaten kein Hehl gemacht.


»Die müssen strammstehen. Ein Waldläufer steht nicht stramm, höchstens am Marterpfahl.«


Er sagte auch: »Die Soldaten müssen sich hinlegen. Ein Waldläufer legt sich nur hin, wenn er jemand be-schleichen will, und nicht auf Kommando — ein Waldläufer nimmt überhaupt keine Befehle an.«


Auf diese Weise wurden wir in die Wildnis eingeführt. Es traf sich, daß bald darauf Indianer auf dem Schützenfest gezeigt wurden. Sie wurden im Zelt durch einen Impresario vorgeführt, der sie bei Namen nannte und ihre Verdienste rühmte, vor allem die Zahl der Skalpierungen. Er sagte mit einer Stimme, als ob er einen Kloß im Munde hätte:


»Der Schwarze Mustang, Unterhäuptling — auch dieser ist ein sehr aufgeweckter Bursche, hat auch schon sieben Weiße skalpiert.«


Die Krieger boten sich, ohne dem Publikum Beachtung zu schenken, den Blicken dar. Sie waren in Kriegsbemalung und trugen den Federschmuck. Atje Hanebut hatte uns hingeführt. Das war freilich etwas anderes als die Reitschule und der Onkel Bindseil — umsomehr, als die Indianer auch zu Pferde ihren Mann standen. Es war eines unserer Lieblingsgespräche, ob sie es in dieser Hinsicht mit den Mexikanern und anderen Weißen aufnehmen könnten. Wir waren überzeugt davon, und diese langen Gespräche dienten nur dem Zwecke, ihre Überlegenheit gegen jeden möglichen Einwand zu bestätigen. Eine weitere Folge unserer Begeisterung war, daß wir die Lektüre änderten.


Nach dem Abendessen versammelten wir uns in der Sattelkammer, die über dem Stall gelegen war, und setzten uns auf die Sattelböcke oder auf einen Stoß von Pferdedecken, die Atjens Lager bildeten. Dort las er uns den »Sohn des Bärenjägers« vor — das war ein Buch. Es roch dort oben nach Pferden, nach Heu und Leder, und im Winter glühte der Eisenofen, denn der Hofrat hatte Holz im Überfluß. Atje saß mit dem Buche vor der Stalllaterne; wir hörten ihm voll Spannung zu. Es war eine neue Welt, die sich eröffnete. Wir hockten halbnackt im überhitzten Räume, nur mit kurzen Hosen und Kanonenstiefeln bekleidet, und zuweilen ließ Atje uns, um uns abzuhärten, eine Runde durch den eisigen Park laufen.


Im Sommer waren wir jetzt immer im Uhlenhorster Moor. Wir kannten nun jeden Winkel, jede Torf kühle, jeden Moorgraben. Wir konnten auch Feuer anlegen, die keinen Rauch machten. An schwülen Tagen stellten wir den Kreuzottern nach, deren Fang eine der Einnahmequellen unseres Chefs bildete. Der Uhlenhorster Schulze zahlte drei Groschen für den Kopf. Atje Hanebut verknüpfte das mit seinen Mutproben.


Die Tiere kamen zu gewissen Zeiten hervor und lagen ausgestreckt oder zusammengerollt auf den Moordämmen. Es gehörte ein geübtes Auge dazu, sie zu sehen. Wir mußten sie zunächst erjagen, indem wir sie mit einer Weidengabel niederdrückten und mit Gertenschlägen töteten. Die nächste Stufe bestand darin, daß wir sie lebend ergreifen und hinter dem Kopf halten mußten, bis Atje sie in ein Säckchen schlüpfen ließ. Das waren Terrarienstücke; sie wurden besser bezahlt. Sodann mußten wir das flüchtige Tier an der Schwanzspitze erhaschen und mit abgestrecktem Arm hochhalten. Das war ein sicherer Griff; die Otter vermochte sich, wenn sie frei hing, nur um ein Drittel ihrer Länge aufzurichten und wurde in dieser Haltung von Atje Hanebut begutachtet. Wenn sie ein Terrarienstück war, sich also durch Größe oder Färbung auszeichnete, wanderte sie in das Säckchen, sonst wurde sie auf den Boden geworfen und massakriert. Es gab rein schwarze Stücke, die »Höllennattern«, bei denen die gezackte Binde mit der Grundfarbe verschmolz. Sie waren bei den Liebhabern besonders begehrt.


Wer eine Zeitlang an den Moorgängen teilgenommen hatte und von Atje Hanebut für würdig befunden wurde, durfte in die große Mutprobe einsteigen. Atje wußte, was alle Schlangenfänger wissen: daß eine Schlange, die man auf die untergehaltene Hand niederläßt, sich darauf einrichtet wie auf jeder anderen Unterlage, vorausgesetzt, daß man stille hält. Das Tier erfaßt die Hand nicht als feindliches Objekt.


Es galt also, eine Otter, die der Chef bezeichnete, und dazu wählte er nur die stärksten, aufzunehmen und mit der rechten Hand langsam auf die flache Linke herabzulassen, an die sich das Tier anschmiegte. Es war ein Wunder, daß dabei keiner gebissen wurde, doch, wie gesagt, ließ Atje auch nicht jeden zu dieser Probe zu. Er wußte, was man jemandem zutrauen kann.


Was mich betrifft, so erinnere ich mich daran als an einen der unangenehmsten Augenblicke meines an solchen Augenblicken reichen Lebens, denn die Tiere waren mir von Grund auf zuwider und erschienen mir beängstigend im Traum. Ein Gefühl der Vernichtung durchglitt mich wie eine Klinge, als ich den kühlen, dreieckigen Kopf auf meiner Hand spürte. Aber ich hielt still wie eine Bildsäule. So groß war mein Begehren, dem Chef zu Willen zu sein, sein Lächeln auf mich zu lenken, mich in seinen Augen hervorzutun. Nach dieser Probe durften wir ihn bei seinem Kriegsnamen nennen, den wir allen anderen zu verschweigen gelobten, bekamen auch selbst unseren Namen und gehörten zu seinen Unzertrennlichen. Er wußte bereits als Knabe, wie man sich Menschen zu eigen macht.


Die Streitigkeiten mit den Kosaken hatte Hanebut geerbt. Sie bestanden bereits seit Generationen, vielleicht schon seit der Vorzeit, in der verschiedene Stämme an beiden Ufern des Sumpfes siedelten. Atje machte sich zu unserem Anführer, obwohl er eigentlich besser auf die andere Seite gepaßt hätte. Drüben lag ein zusammengewachsenes Gewirr von Katen, Lauben, Gärtnereien und kleinen Wirtschaften, in das wir als Gymnasiasten nicht eindringen durften, ohne daß es Prügel gab. Das zahlten wir in der Weinstraße den Kosaken heim. Wir wurden von ihnen unserer roten Mützen wegen Gimpel genannt. Keiner von beiden Parteien hätte sich allein in das feindliche Gebiet gewagt. Die Zusammenstöße fanden meist während des Eislaufes statt oder auch im Frühherbst, wenn wir Drachen hochließen.


Als Atje Hanebut in unsere Händel eintrat, führte er Verbesserungen ein. Zu ihnen gehörte der waldläuferhafte Kundschafterdienst und als Waffe die Zwille, eine Astgabel, durch die man mit Hilfe von Gummischnüren schoß. Wir nahmen Schrotkugeln oder »Knicker« dazu. Wie immer bei solchen Verbesserungen tauchte die Zwille auch bald bei den Kosaken auf, die einfach Kieselsteine verfeuerten. Das führte zu einer ständigen Plänkelei.


Derartige Händel krönen sich meist durch einen Exzeß und beschließen sich auch durch ihn, indem die ruhenden Mächte eingreifen. So ging es auch hier. An einem Vormittag verbreitete sich das Gerücht, daß einem Untertertianer, und zwar dem Clamor Boddsiek, mit dem wir die Geschichte mit dem Taler gehabt hatten, auf dem Schulweg ein Auge ausgeschossen worden sei. Es stellte sich später heraus, daß der Schaden weniger schlimm gewesen war, als man in der ersten Aufregung geglaubt hatte. Aber an jenem Tage waren alle ungemein aufgebracht.


Wir versammelten uns gleich nach dem Essen bei Atje Hanebut, der unverzüglich einen Strafzug anordnete. Meine Mutter hatte Geburtstag, und es sollte einen großen Kaffee geben, auch hatte ich einen neuen Anzug bekommen, aber ich fuhr, nachdem ich den letzten Bissen hinuntergewürgt hatte, wie alle anderen in die Kanonenstiefel, ohne mich umzuziehen, und steckte die Zwille ein. Die Sache mit dem Auge beschäftigte mich ganz und gar. Es fand einfach nichts anderes in mir Platz.


Als alle zusammen waren, verließen wir den Park des Hofrats durch die schadhafte Hecke, indem wir, einer hinter dem anderen, Atje Hanebut nachfolgten. Es war ein heißer Tag, und wir waren mächtig im Zorn, Atje vielleicht am wenigsten.


Dem Grundstück des Hofrats grenzte nach der Wiesenseite zu der Garten eines Privatdozenten an. Der Gelehrte pflegte an heißen Tagen in seinem Wintergarten zu studieren, der in den Garten vorsprang und dessen beide Türen er geöffnet hielt. Da wir Eile hatten und da der gerade Weg der kürzeste ist, sprengte Atje Hane-but in die Studierstube hinein. Ehe der entsetzte Gelehrte, der aufsprang, um seine fliegenden Papiere zu retten, begriffen hatte, was geschah, war Atje bereits wieder zur anderen Tür hinausgebraust, ein Dutzend Jun-gens mit Kanonenstiefeln hinter ihm. Dann durchbrachen wir die Hecke, die an die große Wiese grenzte, überquerten die Fläche und drangen in die Kosakei.


Die Wege zwischen den Hecken und Zäunen lagen im Mittagslicht. Wir waren im verbotenen Bereich. Der Trupp hatte sich geteilt. Ich lief immer noch mit drei oder vier anderen hinter Atje Hanebut her. Um eine Windung biegend, sahen wir einen Kosaken, der uns entgegenkam. Es war ein einzelner Schüler, der einen Tornister trug. Wahrscheinlich hatte er nachsitzen müssen, dann war es ein Unglückstag für ihn.


Sowie er uns erkannt hatte, drehte er um und lief wie ein Wiesel den Weg zurück. Wir stürzten hinter ihm her und jagten ihn. Gewiß wäre er entkommen, wenn nicht aus einem Nebenpfade ein anderer Trupp hervorgebrochen wäre, der ihm den Weg abschnitt. Er war umstellt. Einer erwischte ihn am Ranzen, die anderen kamen von beiden Seiten hinzu, und es hagelte Schläge auf ihn. Der Zorn war groß.


Ich fand es zunächst ganz in der Ordnung, daß er für Clamor Boddsieks Auge büßte, und das nicht zu knapp. Es war ein schmächtiger Junge, der sich kaum wehrte und der erst den Tornister und dann die Mütze verlor. Auch begann er aus der Nase zu bluten, wenngleich nicht besonders stark. Ich war übrigens rächt der erste, der das bemerkte, sondern ein anderer, der die Mutprobe nicht bestanden hatte und auch nicht bestehen wollte, sondern der eher durch Zufall zu uns gekommen war. Er hieß Weigand, trug eine Brille und gehörte eigentlich nicht dazu. Dieser Weigand war es, der es zuerst bemerkte; ich hörte ihn rufen: »Er blutet ja schon.«


Nun sah ich es auch, und der Auftritt wurde mir zuwider; die Kräfte waren ja auch zu ungleich verteilt. Ich sah, daß unser Chef zu einem neuen Schlag ausholte; der Kosake stand jetzt mit dem Rücken an einem Gartenzaun. Er hatte wirklich genug. Ich hing mich Atje in den Arm, indem ich wiederholte: »Er blutet ja schon.«


Es war nicht Insubordination, was mich zu dieser Bewegung trieb. Ich meinte einfach, daß Atje noch nicht gesehen hätte, wie der Kosake blutete, und wollte ihn darauf hinweisen. Ich fiel ihm daher auch nicht in den Arm und sagte nicht diese Worte wie einer, der einen anderen hindern, sondern wie einer, der ihn auf ein Versehen aufmerksam machen will. Weigand hatte den Mißstand als erster wahrgenommen, und ich gab seine Mitteilung weiter an den Chef. Daß es sich um einen Mißstand handelte und daß es darüber nur eine Meinung gab, davon war ich überzeugt. Atje würde ihn abstellen.


Darin hatte ich mich freilich gründlich getäuscht. Atje schüttelte mich ab und sah mich mit höchstem Erstaunen an. Offenbar hielt er es nicht für einen Mißstand, sondern sogar für in der Ordnung, daß der Kosake blutete. Dann holte er von neuem aus und schlug mich ins Gesicht. Zugleich hörte ich ihn rufen »Haut ihn«, und alle fielen über mich her. Es waren meine besten Freunde, die mich viel länger kannten als Atje Hanebut. Ein Wort von ihm genügte, damit sie mich als Feind behandelten. Nur Weigand hielt sich zurück. Aber er nahm auch nicht Partei für mich. Er war verschwunden; ich zahlte für seine Liberalität.


Mein Entsetzen war so groß, daß ich die Schläge wohl wahrnahm, aber nicht fühlte, die auf mich regneten. Auch meinem neuen Anzug wurde übel mitgespielt. Aber das zerissene Gewand gehörte dazu.


Inzwischen hatte der Kosake seine Mütze und seinen Tornister aufgerafft und war, während sie mit mir beschäftigt waren, davongehuscht. Endlich ließen sie von mir ab und zogen davon. Ich blieb zurück, an den Zaun gelehnt, während mir das Herz bis zum Halse schlug. Die Sonne schien prall auf die Büsche, aber ich hatte das Gefühl, als schwärzten ihre Strahlen das grüne Laub. Ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund.


Nachdem ich lange am Zaun gestanden und Atem geschöpft hatte, raffte ich mich auf und strebte der Weinstraße zu. Es dauerte, ehe ich mich aus dem Gewirr der Gärten herausgefunden hatte, in dem ich noch nie gewesen war. Endlich aber hatte ich den Grenzweg erreicht.


In meiner Verwirrung hatte ich das Gefühl, daß sie zurückkämen. Ich hörte das Getrappel eisenbeschlagener Stiefel und hastige Zurufe.


»Da ist er — ein Gimpel, der ist's gewesen, der hat's getan.«


Und ehe ich noch recht begriffen hatte, was geschah, waren die durch unseren Einbruch aufgestöberten Kosaken über mir. Im Nu hatten sie mich gefaßt. Ich hörte einen Großen, der den Anführer machte:


»Ihr Schweine, zu einem Dutzend über einen kranken Jungen herzufallen — das werden wir euch austreiben.«


Diesmal fühlte ich die Schläge, und auch die Tritte, als ich am Boden lag. Wenn ein günstiger Umstand dabei war, so höchstens der, daß sie sich gegenseitig durch ihren Eifer behinderten.


Es ist bei solchen Gelegenheiten wunderlich, mit welcher Schärfe wir Einzelheiten wahrnehmen. So sah ich, daß in dem Gedränge um mich her einer nicht recht zum Zuge kam. Er wurde immer wieder zurückgestoßen; einmal kam mir sein Gesicht ganz nahe, zwischen den Beinen der anderen. Es war der Knabe, dem die Nase geblutet hatte; ich erkannte ihn. Er versuchte verschiedene Male, mit einem Griffel nach mir zu stoßen, den er aus seinem Ranzen genommen hatte, aber sein Arm reichte nicht zu.


Die Sache hätte ohne Zweifel ein böses Ende genommen, denn sie waren völlig von ihrem Rechte überzeugt. Auch hörte man noch andere mit Hunden heraneilen. Zum Glück kam ein Bierwagen über den Grenzweg gefahren, von dessen Bock zwei mit ledernen Schürzen angetane Kutscher gemächlich abstiegen. Sie hieben mit ihrer langen Peitsche in das Gewimmel, indem sie sich ablösten. Sie sorgten für Ordnung und hatten ihren Spaß dabei. Auch mich traf ein schmerzhafter Hieb an der Ohrmuschel. Der Haufe stob auseinander, und ich wankte mehr tot als lebendig nach Haus.


Als ich über die Diele zur Treppe schlich, kam gerade der Vater aus dem Geburtstagszimmer heraus. Der Kaffee war längst vorbei. Ich stand vor ihm in meinem Aufzug, an dem nichts heil war als die Kanonenstiefel, mit wirren Haaren und beschmutztem, unkenntlichem Gesicht. Er mußte annehmen, daß ich mich an diesem Festtag wieder im Gefolge des Kutscherjungen herumgeprügelt hatte, und das war ja auch ein durchaus richtiger Schluß. Ich hatte nicht nur der Mutter das Fest verdorben, sondern auch bereits am ersten Tage den teuren Anzug zerfetzt, der noch am Mittag sein Wohlgefallen erregt hatte. Außerdem hatte sich bereits der Privatdozent beschwert.


Mein Vater war ein ruhiger, gutmütiger Mann. Ich hatte bis dahin kaum jemals einen Schlag von ihm erhalten, obwohl er oft Grund dazu gehabt hätte. Diesmal aber bekam er starre Augen und wurde feuerrot im Gesicht. Er gab mir zwei starke Ohrfeigen.


Das waren wieder Schläge, die ich nicht fühlte, denn meine Überraschung war zu groß. Ich war eher erschrok-ken als verletzt. Der Vater mußte das sogleich bemerkt haben, denn er drehte sich ärgerlich um und schickte mich ohne Essen ins Bett.


Das war die erste Nacht, in der ich mich allein fühlte. Ich habe deren später noch viele gehabt. Das Wörtchen bekam für mich einen neuen Sinn. Unsere Zeit ist geeignet, gerade diese Erfahrung zu geben, die viele gemacht haben, obwohl sie sich kaum beschreiben läßt.


Der Alte mußte einiges von den Vorgängen erfahren haben, denn er versuchte nach etlichen Tagen, die Sache zwischen uns mit einem Scherz wieder in Ordnung zu bringen, indem er einen Vers zitierte:


«Dreimal im Kugelregen


Den heißen Berg erstürmt.«


Das stammte aus einem der Gedichte, die wir auswendig lernen mußten und das einer inzwischen längst vergessenen Schlacht gewidmet war, nämlich dem Sturm auf die Spicherner Höhen. Ich war allerdings dreimal im Treffen gewesen, selbst wenn ich die Bierkutscher nicht mitrechnete.


Es wurde auch wieder gut zwischen uns, wenngleich es merkwürdig ist, daß ein solcher Schlag sich nicht vergißt, auch wenn beide Teile nichts lieber wünschen als eben dies. Die körperliche Berührung schafft einen neuen Stand. Damit muß man sich abfinden.


Ich habe dem Erlebnis deshalb Raum gegeben, weil es mehr als eine Episode umfaßt. Es kehrte wieder, wie in unserem Leben eine Frau, ein Feind oder ein Unfall wiederkehren kann. Es kehrte wieder, wenngleich in anderer Verhüllung, doch mit demselben Personal. Als die asturischen Dinge begannen, wußten wir, daß diesmal der Spaß aufhören würde, obwohl wir manches gewohnt waren. In der ersten Stadt, in die wir einzogen, hatte man die Klöster geplündert, die Särge in den Grüften aufgebrochen und die Leichname in grotesken Gruppen auf die Straßen gestellt. Da wußten wir, daß wir in ein Land kamen, in dem Schonung nicht zu erwarten war. Wir zogen an einem Schlachterladen vorüber, in dem man die Leichen von Mönchen an Haken gehängt hatte, mit einem Schilde »Hoy matado«, was »frisch geschlachtet« heißt. Ich habe es mit meinen Augen gesehen.


An diesem Tage überfiel mich eine große Trauer; ich hatte die Gewißheit, daß es mit allem vorbei war, was man geachtet, was man geehrt hatte. Worte wie Ehre und Würde wurden lächerlich. Da stand wieder das Wort »allein« über der Nacht. Die Schandtat ruft eine isolierende Wirkung hervor, als wäre der Stern vom Aussterben bedroht. Ich lag im Fieber und dachte an Monteron. Was würde er wohl gesagt haben beim Eintritt in solche Landschaften? Aber Monterons Zeit war vorbei, und Männer wie er würden auch nicht eingetreten sein. Sie fallen schon vor der Pforte, denn »Es gibt ein für allemal Dinge, die ich nicht wissen will«.


Damals wiederholte sich auch mein Tag von Spichern mit seinem Personale, nur daß der Chef, dem ich in den Arm fiel, nicht mehr Hanebut hieß. Es handelte sich auch nicht mehr um eine simple Nase, die blutete. Es ging schon näher an die Ohren heran. Die, denen ich geholfen hatte wie damals dem Kosaken, wußten mir auch diesmal keinen Dank, im Gegenteil. Auch Weigand tauchte wieder auf; er war jetzt moral-conditioner einer Weltzeitung. Was man hätte tun müssen, wußte niemand so gut wie er.


Den ersten Weigand hatte ich übrigens später auf dem Schulhof gefragt, wo er geblieben wäre, als es die Prügel gab. Es war ihm eingefallen, daß er seinen Hausaufsatz noch nicht gemacht hatte. Er sagte dann noch: »Es war häßlich, wie ihr alle über ihn herfielet.« Er hatte sich aus dem Ablauf genau das Stück herausgeschnitten, das ihm in den Kram paßte. Cosi fan tutte, so hielt er es auch weiterhin.


19

All dies fiel mir ein, als mich nach meiner mißlichen Entdeckung die Schwäche immer unwiderstehlicher ergriff. Die Seekrankheit, gegen die ich ankämpfte, verhieß mir nichts Gutes; ich ahnte, daß sich wiederholen würde, was ich erduldet hatte, nachdem ich Atje Hanebut in den Arm gefallen war. Bei Zapparoni würde ich so billig nicht davonkommen. Ich suchte mir also zuzusprechen wie einem kranken Kind. Etwa:


»Abgeschnittene Ohren liegen auf jeder Autobahn.«


Oder: »Du hast doch schon andere Dinge gesehen, und diese betreffen dich nicht im mindesten. Du wirst dich jetzt französisch verabschieden.«


Dann suchte ich mir Episoden aus dem Jüdischen Kriege des Flavius Josephus in die Erinnerung zu rufen, der von je zu meinen Lieblingshistorikern gezählt hatte. Da ging es doch anders zu. Mit welch massivem Bewußtsein, mit welcher Sicherheit des höheren Auftrags und dem entsprechenden unangekränkelten Gewissen traten die Partner auf, die Römer, die Juden in ihren verschiedenen Fraktionen, die Hilfsvölker, die Besatzungen der Bergvesten, die sich bis zum letzten Manne, zur letzten Frau verteidigten. Da gab es noch kein dekadentes Geschwätz, wie hundert Jahre später bei Tertullian. Titus hatte harte Dinge befohlen, doch mit sublimer Ruhe, als spräche das Schicksal aus seinem Mund. Es mußte in der Geschichte immer wieder Abschnitte geben, in denen Aktion und Rechtsbewußtsein sich vollkommen deckten, und zwar als Generalstimmung, bei allen auftretenden Gegnern und Parteien. Vielleicht hatte Zapparoni bereits wieder einen solchen Abschnitt erreicht. Heut mußte man im Plan sein, dann zählten die Opfer nicht. Je dichter man am Mittelpunkt des Planes stand, desto bedeutungsloser wurden sie. Leute, die im Plan waren oder auch nur glaubten, im Plan zu sein, gingen über Millionen hinweg, und Massen jubelten ihnen zu. Ein abgesessener Reiter, ein Mann, der nie die Waffe erhoben hatte als gegen Bewaffnete, machte demgegenüber eine anrüchige Figur. Das mußte aufhören. Man mußte auch geistig in den Panzer umsteigen.


Übrigens hatte ich noch den Rest von Twinnings' Pfunden in der Tasche; ich möchte heut abend mit Theresa essen gehen. Ich würde sie in den »Alten Schweden« führen und nett zu ihr sein. Ich hatte sie meiner Sorgen wegen vernachlässigt. Ich würde ihr sagen, daß es mit Zapparoni nicht geklappt hätte, daß aber Besseres in Aussicht sei. Sie fürchtete immer, daß ich mich ihretwegen auf Geschichten einließe, die mich herabsetzten. Sie hatte eine viel zu gute Meinung von mir; das hatte mich oft beschämt. Ich würde morgen zu Twinnings gehen und mit ihm über jene Posten sprechen, die er noch nicht erwähnt hatte, weil er sie mir nicht zumutete. Ich konnte die Aufsicht an einem Spieltisch annehmen. Dabei wurde man mit Sicherheit in Skandale verwickelt, die übel endeten, wenn man nicht glatt war wie ein Aal. Man mußte Trinkgelder annehmen. Alte Kameraden, die immer noch ein wenig spielten, wie sie es bei den Leichten Reitern gelernt hatten, würden zunächst erstaunt sein, mir aber dann einen runden oder gar einen eckigen Chip zuschieben, wenn sie eine Glückssträhne gehabt hatten. Es würde gelernt werden. Ich wußte ja, für wen ich es tat. Und ich tat es gern, würde noch anderes tun. Ich würde Theresa sagen, daß ich in ein Büro ginge.


20

So sann ich hin und wider, aber ich fand keinen ruhenden Pol. Es schwankte das ganze Schiff bis zur Mastspitze. Die Gedanken brachen immer wieder aus zu dem Sumpfloch, in dessen Richtung zu blicken ich streng vermied. Immer noch hielt ich den Kopf in die Hand gestützt. Der Rauchgraue zog weite Achten vor meinem Sitz. Gewiß war die Situation beabsichtigt. Das ließ sich schon daraus schließen, daß sich der Hausherr immer noch nicht blicken ließ. Er wartete offenbar ein Ergebnis ab, oder er ließ es abwarten. Was könnte denn aber ein sinnvoller Abschluß sein? Aus dem Park würde ich nicht herauskommen. Sollte ich aufstehen und zur Terrasse zurückkehren? Leider hatte ich doch wohl zu stark gezeichnet, als ich die Entdeckung gemacht hatte.


Wenn aber die Situation gestellt war, und zwar als Zwickmühle, so hing viel davon ab, in welchem Maße ich die Regie durchschaute; ich konnte mein Verhalten danach einrichten. Daß ich das Objekt gesehen hatte, konnte ich zwar ableugnen, aber es war vielleicht vorteilhafter, auf die Provokation einzugehen, wie man es erwartete. Daß ich nun nachdenklich verharrte, konnte nicht schaden, denn daß ich die Entdeckung ernst nahm und daß sie Schrecken in mir erregte, war wohl vorausgesehen. Ich mußte den Fall noch einmal durchdenken, mußte den Kopf anstrengen.


Die Möglichkeit, daß ich auf ein Lemurennest gestoßen war, wie ich es in der ersten Bestürzung gedacht hatte, schloß ich nun nicht nur als unwahrscheinlich, sondern mit voller Bestimmtheit aus. Eine solche Vergeßlichkeit, ein solcher Regiefehler war undenkbar in Zap-paronis Bereich. Hier geschah nichts außerhalb des Planes, und man hatte, bei allem Anschein der Unordnung, das Gefühl, daß die Moleküle kontrolliert wurden. Ich hatte es sofort empfunden, als ich den Park betrat. Und wer läßt wohl aus reiner Vergeßlichkeit ganz in der Nähe seiner Wohnung Ohren herumliegen?


Verhielt es sich nun so, daß das Schreckbild gestellt war, so mußte es mit meiner Anwesenheit zu tun haben. Es mußte als ein berechnetes Capriccio in die Automatenparade eingeschlossen sein. Bewunderung und Schrecken zu erregen, das war zu allen Zeiten ein Anliegen der großen Herren. Es mußte eine Regieanweisung gegeben sein. Und wer hatte die Requisiten besorgt?


Es war kaum anzunehmen, daß man in den Zapparoni-Werken, obwohl in ihnen das Unmögliche möglich war, Ohren auf Vorrat hielt. Wo solche Dinge geschehen, und mögen sie noch so geheim gehalten werden, verbreitet sich unfehlbar das Gerücht. Alle wissen, was niemand weiß. Niemand der Kundbare geht um.


Nun hörte man ja manches, was hinter den Kulissen des guten Großvaters Zapparoni vorging und das, wie das Verschwinden Carettis, nicht an die große Glocke kam. Aber es hielt sich im Üblichen. Die Sache hier paßte nicht zu Zapparonis Stil. Und sie überstieg schließlich auch meine Verhältnisse. War ich denn jemand, dem zu Ehren man zwei, drei Dutzend Ohren herunterschnitt? Das konnte der kühnsten Phantasie nicht einfallen. Und für einen Scherz unterbot es den Geschmack eines Sultans von Dahomey. Ich hatte Zapparonis Einrichtung, hatte sein Gesicht, seine Hände gesehen. Ich mußte mich getäuscht haben, mußte einer Vision zum Opfer gefallen sein. Es war schwül, fast behext in diesem Garten, und der Automatentrubel hatte mich berauscht.


Von neuem nahm ich also das Glas vor Augen und visierte das Moorloch an. Die Sonne stand jetzt im Westen, und alle roten und gelben Töne wurden deutlicher. Es war nun freilich bei der Güte des Glases und der Nähe des Objektes kein Zweifel möglich: es mußten Ohren, menschliche Ohren sein.


Mußten es aber auch echte Ohren sein? Wie nun, wenn es sich um Attrappen handelte, um kunstvoll ausgeführte Trugbilder? Sowie mir der Gedanke durch den Kopf schoß, kam er mir wahrscheinlich vor. Der Aufwand war minimal, und der beabsichtigte Effekt einer Prüfung blieb bestehen. Ich hatte gehört, daß die Freimaurer sogar einen wächsernen Leichnam auslegen, vor den der Einzuweihende bei Ungewissem Licht geführt wird und in den er auf Geheiß der Oberen ein Messer stoßen muß.


Ja, es war möglich, sogar wahrscheinlich, daß sie mir ein Vexierbild vorlegten. Warum sollten, wo gläserne Bienen flogen, nicht auch wächserne Ohren ausliegen? Auf einen Augenblick des Schreckens folgt jäh die Lösung und Heiterkeit, Erlösung fast. Das war sogar ein witziger Zug, wenngleich auf meine Kosten — vielleicht sollte er andeuten, daß ich in Zukunft mit Schelmen zu tun hätte.


Ich würde jetzt darauf eingehen und den Narren spielen, so tun, als ob ich die Falle nicht durchschaut hätte. Von neuem barg ich mein Gesicht in der Hand, aber nun, um die in mir aufblühende Heiterkeit zu verheimlichen. Dann nahm ich noch einmal das Glas zur Hand. Die Dinger waren verdammt getroffen — ich möchte fast sagen, sie übertrafen die Wirklichkeit. Aber mich sollten sie nicht hineinlegen. Man war das ja von Zapparoni gewöhnt.


Jetzt sah ich freilich wieder etwas, das mich stutzig machte und neuen Ekel aufsteigen ließ. Eins der Gebilde wurde von einer großen blauen Fliege angeflogen, wie man sie früher vor den Schlächterläden sah. Obwohl der Anblick fatal war, erschütterte er mich doch nicht in meiner Zuversicht. Wenn ich Zapparoni richtig beurteilt hatte — was ich mir nicht entfernt anmaßte, aber hinsichtlich dieses Zuges hätte ich jede Wette angenommen — so konnte es nicht anders sein. Kopf oder Wappen — Zapparoni oder König von Dahomey.


Wir hängen an unseren Theorien und passen ihnen die Erscheinung an. Was die Fliege betraf, so war das Kunstwerk eben so gelungen, daß nicht nur mein Auge, sondern auch die Tiere getäuscht wurden. Es war ja bekannt, daß an der gemalten Traube des Apelles die Vögel gepickt hatten. Und ich hatte einmal beobachtet, daß eine Blumenfliege ein künstliches Veilchen umschwebte, das ich im Knopfloch trug.


Außerdem: wer wollte in diesem Park beschwören, was natürlich, was künstlich war? Wäre ein Mensch, wäre ein Liebespaar in innigem Geplauder an mir vorbeigeschritten — ich hätte nicht die Hand dafür ins Feuer legen mögen, ob es aus Fleisch und Blut war oder nicht. Ich hatte kürzlich erst auf dem Raumschirm Romeo und Julia bewundert und hatte mich überzeugen können, daß mit Zapparonis Automaten eine neue und schönere Epoche der Schauspielkunst begann. Wie war man der zurechtgeschminkten Individuen müde, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt belangloser wurden und denen heroisches Handeln und klassische Prosa oder gar Verse so schlecht zu Gesicht standen. Man wußte schließlich nicht mehr, was ein Körper, was Leidenschaft, Gesang waren, wenn man nicht Neger vom Kongo kommen ließ. Da waren Zapparonis Marionetten von anderem Format. Sie brauchten keine Schminke und keine Schönheitskonkurrenzen, in denen man Busen und Hüften ausmißt, sondern sie waren nach Maß gearbeitet.


Ich will natürlich nicht behaupten, daß sie die Menschen übertrafen — das wäre ja absurd nach allem, was ich über Pferde und Reiter gesagt habe. Dagegen meine ich, daß sie dem Menschen ein neues Maß gaben. Einst haben Gemälde, haben Statuen nicht nur auf die Mode, sondern auch auf den Menschen eingewirkt. Ich bin überzeugt, daß Botticelli eine neue Rasse geschaffen hat. Die griechische Tragödie erhöhte die menschliche Gestalt. Daß Zapparoni mit seinen Automaten Ähnliches versuchte, verriet, daß er sich weit über die technischen Mittel erhob, indem er sie als Künstler und um Kunstwerke zu schaffen anwandte.


Für Zauberer, wie Zapparoni sie in seinen Ateliers und Laboratorien beschäftigte, war eine Fliege eine Kleinigkeit. Wo künstliche Bienen und künstliche Ohren zum Inventar gehören, da wird man auch die Möglichkeit einer künstlichen Fliege einräumen. Der Anblick sollte mich also nicht irre machen, obwohl er widrig war, ein überflüssiger realistischer Zug.


Überhaupt verlor ich bei diesem angestrengten Prüfen und Schauen das Unterscheidungsvermögen zwischen dem, was natürlich, und dem, was künstlich war. Das wirkte sich den einzelnen Objekten gegenüber als Skepsis aus, und hinsichtlich der Wahrnehmung im Ganzen so, daß sie unvollkommen trennte, was außen und innen, was Landschaft und was Einbildung war. Die Schichten legten sich dicht aufeinander, changierten, vermischten ihren Inhalt, ihren Sinn.


Das war nach dem Erlebten angenehm. Es war erfreulich, daß die Sache mit den Ohren ihr inneres Gewicht verlor. Ich hatte mich unnötig aufgeregt. Sie waren natürlich künstlich oder künstlich natürlich, und bei den


Marionetten wird der Schmerz bedeutungslos. Das ist nicht zu bestreiten, es regt sogar zu grausamen Scherzen an. Das macht nichts aus, solange wir wissen, daß die Puppe, der wir den Arm ausreißen, aus Leder ist, und der Neger, auf den wir zielen, aus Papiermache. Wir zielen gern auf Menschenähnliches.


Hier aber wurde die Marionettenwelt sehr mächtig, entwickelte ihr eigenes, feines, durchdachtes Spiel. Sie wurde menschenähnlich und trat ins Leben ein. Da wurden Sprünge, Scherze, Capriccios möglich, an die nur selten einer gedacht hatte. Hier gab es keinen Defaitismus mehr. Ich sah den Eingang zur schmerzlosen Welt. Wer ihn durchschritten hatte, dem konnte die Zeit nichts anhaben. Ihn faßte kein Schauder an. Er würde wie Titus in den zerstörten Tempel, das ausgebrannte Allerheiligste eintreten. Ihm hielt die Zeit ihre Preise, ihre Kränze bereit.


21

In diesem Falle, das fühlte ich, würde mir eine große Laufbahn bei Zapparoni bevorstehen. Dann mußte ich zu verstehen geben, daß das Schaugericht mir behagte, das er da aufgestellt hatte — daß es meinen Appetit schärfte. In diesem Falle erfaßte ich es als Herrschaftssymbol, als zugehörig den Ruten und Beilen, die dem Consul Romanus zustanden. Allerdings — wenn es mir gelang, mich über mich selbst hinwegzusetzen und meinen Defaitismus zu überwinden, dann hatte ich nicht nötig, Zapparoni als kleiner Liktor vorauszugehen. Dann konnte ich es getrost mit Fillmor aufnehmen.


An diesen Punkt war ich indessen schon oft gekommen, wenn mich meine Mißerfolge elendeten. Ich hatte dann meist wie hier in einer peinlichen Lage die Zeit verläppert und war vor irgendeiner Brutalität zurückgewichen, wie sie heute ganz unentbehrlich sind. Auch hier war drauf zu wetten, daß ich, während ich die Ideen eines Stadttyrannen entwickelte, nicht einmal fähig wäre, eines dieser Ohren anzufassen, ob sie nun künstlich waren oder nicht. Das war schon lächerlich.


Was würde Zapparoni denken, wenn ich ein Ohr anfaßte? Er hatte mich nur vor den Bienen gewarnt. Wahrscheinlich suchte er gerade einen, der Ohren anfassen kann. Ich nahm also eines der Handnetze, die an der Laube lehnten, und begab mich damit nach dem Sumpfloche. Dort wählte ich eines der Ohren und fischte es heraus. Es war ein großes und schönes Ohr, ein Ohr, wie es erwachsene Männer tragen, und vorzüglich nachgemacht. Ich bedauerte, daß ich keine Lupe hatte, aber meine Augen waren scharf genug.


Ich legte meine Beute auf den Gartentisch und berührte sie getrost mit der Hand. Ich mußte zugeben, daß die Nachbildung vollkommen war. Der Künstler hatte den Naturalismus so weit getrieben, daß er sogar an die Gruppe von Härchen gedacht hatte, die ein Männerohr im reiferen Alter kennzeichnen und die meist durch die Rasierklinge gestutzt werden. Er hatte auch eine kleine Narbe angedeutet — das war ein romantischer Zug. Man merkte deutlich, daß sie bei Zapparoni nicht nur für Geld arbeiteten. Es waren Künstler von überwirklicher Genauigkeit.


Der Rauchkopf war wieder ganz nahe herangekommen und stand mit ausgestülpten Schneckenhörnern fast reglos und nur ein wenig zitternd in der Luft. Ich schenkte ihm keine Achtung, denn ich hatte die Augen auf mein Objekt geheftet; es hob sich scharf von der grünen Tischplatte ab.


Wir lernen schon in der Schule, daß uns ein Gegenstand, den wir geraume Zeit betrachteten, von neuem als eine Art Vision erscheint, wenn wir die Augen abwenden. Wir sehen ihn an der Wand, auf die wir blik-ken, oder im Inneren des Auges, wenn wir die Lider zumachen. Oft zeichnet er sich mit großer Schärfe ab und zeigt auch Einzelheiten, die wir bewußt nicht wahrnahmen. Nur in der Farbe hat das Nachbild sich verändert, indem es die Erscheinung auf dem Augengrunde in einem neuen Licht spiegelt. So schwebte auch, als mich bei der Betrachtung eine kurze Schwäche faßte, das Ohr vor meinem Auge in zartgrünem Glänze, während die Tischplatte sich blutrot abzeichnete.


Desgleichen gibt es ein geistiges Nachbild von Gegenständen, die uns in Bann schlugen, ein intuitives Gegenbild, das jenen Teil der Wahrnehmung aufzeigt, den wir unterdrückt haben. Eine solche Unterdrückung findet bei jeder Wahrnehmung statt. Wahrnehmen heißt aussparen.


Als ich das Ohr betrachtet hatte, war es mit dem Wunsch geschehen, daß es ein Spuk, ein Kunstwerk, ein Puppenohr sei, das niemals den Schmerz gekannt hätte. Nun aber erschien es mir im Nachbild und enthüllte dem inneren Auge, daß ich es von Anfang an und immer, seitdem ich es erblickt, als den Brennpunkt dieses Gartens erfaßt und daß sein Anblick das Wort »höre« in mir geformt hatte. Damals in Asturien hatten sie die Leichen aus den Gräbern gezerrt, um der Menschheit zu kündigen. Wir wußten, daß nur Böses bevorstehen konnte nach solchem Empfang — daß wir in die Pforten der Unterwelt eintraten.


Hier aber war der Geist am Werke, der das freie und unberührte Menschenbild verneint. Er hatte diesen Tort erdacht. Er wollte mit Menschenkräften rechnen, wie er seit langem mit Pferdekräften rechnete. Er wollte Einheiten, die gleich und teilbar sind. Dazu mußte der Mensch vernichtet werden, wie vor ihm das Pferd vernichtet worden war. Da mußten solche Zeichen an den Eingangstoren aufleuchten. Wer ihnen zustimmte, ja, wer sie nur verkannte, der würde brauchbar sein.


22

Es war ein schändliches Zeichen, ein Eintrittsbillett. So drücken uns Schlepper, die uns an üble Orte führen wollen, ein unzüchtiges Bild in die Hand. Mein Dämon hatte mich gewarnt.


Als ich den Anschlag durchschaute, ergriff mich die blinde Wut. Ein alter Krieger, ein Leichter Reiter und Monterons Schüler antichambrierte vor einem Laden, in dem abgeschnittene Ohren gezeigt wurden, während man im Hintergrunde kicherte. Bis jetzt hatte ich noch mit guten Waffen gefochten und den Dienst verlassen, bevor scheußliche Kalfaktoren ihre Mordbrände ausklügelten. Hier sollten neue Finessen vorbereitet werden, im Liliputanerstil. Wie immer galt die erste Sorge den Vorhängen, damit die Überraschung ausreifte. Sie würden an Polizisten keinen Mangel haben; es gab ja schon Länder, in denen jeder jeden überwachte und sich selbst denunzierte, wenn das nicht ausreichte. Es war kein Geschäft für mich. Ich hatte genug gesehen und zog die Spielbank vor.


Ich warf den Tisch um und stieß das Ohr mit dem Fuß aus dem Weg. Der Rauchkopf war jetzt höchst munter geworden, stieg auf und nieder wie ein Späher, der einen Vorgang in jeder Perspektive genießen will. Ich griff nach der Golftasche und riß eines der stärkeren Eisen heraus, mit dem ich weit ausholte. Als ich in Position stand, ertönte eine knappe Warnung, wie man sie in den Luftschutzbunkern hört. Ich ließ mich aber nicht anfechten, sondern traf, nachdem ich mich um die Achse gedreht hatte, den Rauchkopf mit der Fläche des Eisens, das ihn zerschmetterte. Ich sah eine Spirale aus seinem Bauch springen. Dem folgte eine Reihe von Zündungen, als ob ein Knallfrosch explodierte, und eine rotbraune Wolke stieg vom Eisen auf. Ich hörte wieder eine Stimme: »Augen zu!« Ein Spritzer traf mich und brannte ein Loch in meinen Rockärmel. Eine weitere Stimme rief, daß Hautsalbe im Pavillon sei. Ich fand sie in einer Art von Luftschutztasche, die gesehen zu haben ich mich erinnerte. Der Arm wies keine sichtbare Verletzung auf. Auch die Explosion hatte keinen bedrohlichen Eindruck gemacht.


Die Rufe klangen synthetisch wie aus einem mechanischen Wörterbuch. Sie wirkten ernüchternd wie Verkehrszeichen. Ich hatte mich hinreißen lassen, ohne den Kopf zu Rate zu ziehen. Das war mein alter Fehler, in den ich bei Provokationen verfiel. Ich mußte ihn ablegen. In der Spielbank zum Beispiel gedachte ich, selbst Beleidigungen einzustecken, und traute es mir zu. Zunächst fragte sich aber, wie ich hier herauskäme, denn daß von einer Anstellung nicht mehr die Rede sein konnte, lag auf der Hand.


Ich hatte auch gründlich die Lust verloren, mich weiter mit Zapparonis Intimitäten zu beschäftigen. Wahrscheinlich hatte ich deren schon zuviel gesehen.


23

Die Sonne ging nun zur Neige, aber sie schien immer noch warm auf die Wege, und es war wieder still, ja friedlich im Park. Es summten noch Bienen um die Blumen, wirkliche Bienen, während der Automatenspuk verschwunden war. Vermutlich hatten die Gläsernen heute einen großen Tag, ein Manöver gehabt.


Der Tag war lang und heiß gewesen; ich stand benommen vor der Laube und starrte auf den Weg. An seiner Biegung sah ich Zapparoni erscheinen und auf mich zukommen. Wie kam es, daß mich bei seinem Anblick Furcht ergriff? Ich meine nicht jenen Schrecken, den der Machthaber verbreitet, wenn wir ihn nahen sehen. Eher war es ein unbestimmtes Gefühl von Schuld, von schlechtem Gewissen, mit dem ich ihn erwartete. So hatte ich mit zerfetztem Anzug und geschwärztem Gesicht gestanden, als der Vater in die Diele getreten war. Und warum suchte ich das Ohr mit dem Fuß unter den umgestürzten Tisch zu schieben, damit sein Auge nicht darauf fiel? Ich tat es weniger, um meine Neugier zu verhehlen, als aus dem Gefühl, daß es kein Anblick für ihn sei.


Er kam mit langsamen Schritten den Weg herunter und auf mich zu. Dann blieb er vor mir stehen und sah mich mit seinen Bernsteinaugen an. Sie waren nun tief dunkelbraun, mit lichten Einschlüssen. Sein Schweigen bedrückte mich. Endlich hörte ich seine Stimme:


»Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollten sich vor den Bienen in acht nehmen.«


Er nahm den Golfschläger zur Hand und sah sich das verätzte Eisen an. Es brodelte immer noch. Sein Blick streifte auch die rauchgrauen Splitter und haftete auf meinem Rockärmel. Ich hatte den Eindruck, daß ihm nichts entging. Dann sagte er:


»Sie haben noch eine von den harmlosen erwischt.«


Es klang nicht unfreundlich. Ich hatte vom Preis eines solchen Roboters keine Vorstellung. Wahrscheinlich überstieg er bei weitem die Summe aller Bezüge, auf die ich im Fall einer Anstellung Anspruch gehabt hätte, vor allem, da es sich wohl um ein Modellstück handelte. Das Ding mußte mit Apparaten vollgestopft gewesen sein.


»Sie waren leichtsinnig. Solche Werke sind keine Golfbälle.«


Auch das klang wohlwollend, als ob er meinen Golfschlag nicht sehr mißbilligte. Ich konnte nicht einmal beschwören, daß der Rauchkopf Übles gewollt hatte. Ich hatte die Nerven verloren, wie man so sagt. Sein Ge-schwebe, während ich das Ohr untersuchte, hatte mich aufgebracht. Es blieb aber das Ohr oder vielmehr die Ohren als hinreichender Grund. Bei solchem Anblick verlieren die meisten den Humor. Aber ich wollte mich nicht verteidigen. Am besten war es, wenn er es garnicht sah.


Indessen hatte er es bereits entdeckt. Er berührte es leicht mit dem Golfstock und wendete es dann mit dem Fuße, mit der Spitze des Hausschuhs um, während er den Kopf schüttelte. Sein Gesicht nahm nun ganz den Ausdruck des gereizten Papageien an. Die Augen hellten sich auf zum reinen Gelb und verloren die Einschlüsse.


»Hier haben Sie gleich ein Beispiel für die Gesellschaft, mit der ich gestraft bin — in einem Tollhaus kann man sie wenigstens einsperren.«


Er schloß dem die Geschichte der Ohren an, nachdem ich den Tisch aufgerichtet und mich neben ihn gesetzt hatte. Sie mußten in meinem Inneren wiederum eine Verwandlung durchmachen. Sie waren tatsächlich abgeschnitten, doch ohne Schmerz, und auch meine Anwesenheit hier hatte mit dieser Verstümmelung zu tun.


Ich mußte dazu wissen, erklärte Zapparoni, daß der wunderbare Eindruck der lebensgroßen Marionetten, wie ich sie als Romeo und Julia bewundert hatte, weniger auf der getreuen Nachbildung des Körpers als auf durchdachten Abweichungen beruht. Was das Gesicht betrifft, so spielen die Ohren dabei fast eine größere Rolle als die Augen, die in Form und Bewegung leicht zu übertreffen sind, von der Farbe ganz abgesehen. Die Ohren sucht man bei den noblen Typen zu verkleinern, sie in der Bildung, der Farbe und dem Ansatz zu verschönern und ihnen eine gewisse Bewegung mitzuteilen, die das Mienenspiel verstärkt. Diese Bewegung läßt sich bei den Tieren und auch den Primitiven noch erkennen, während sie bei den Zivilisierten verloren gegangen ist. Auch müssen beide Ohren in der Symmetrie ein wenig voneinander abweichen. Für einen Künstler ist ein Ohr nicht wie das andere. In dieser Hinsicht mußte man das Publikum erziehen. Man mußte ihm eine höhere Anatomie beibringen. Das konnte nur auf lange Sicht geschehen. Es durften Zeit und Mühe nicht gespart werden. Jahrzehnte würden kaum ausreichen.


Nun gut, er wollte nicht abschweifen. Was die eben erwähnten und auch noch andere Einzelheiten anging, so besorgte sie für die Marionetten Signor Damico, der ein unübertrefflicher Ohrenmacher war. Signor Damico war Neapolitaner von Geburt.


Natürlich werden solche Ohren nicht einfach angeheftet oder am Stück gefertigt, wie es ein Holzschnitzer, ein Bildhauer, ein Wachsgießer tut. Sie sind vielmehr dem Körper auf eine Weise organisch zu verbinden, die zu den Geheimnissen des neuen Marionettenstils gehört.


Die Schwierigkeit der Arbeit an den Marionetten wird dadurch noch erhöht, daß viele Hände am Stück beschäftigt sind. Das führt zu Streitigkeiten und Eifersüchteleien zwischen den Artisten, denen die Kollektivarbeit zuwider ist. Auf diese Weise hatte sich Signor Damico mit allen Übrigen verfeindet, und zwar auf Grund von Bagatellen, die der Erwähnung unwert sind. Kurz und gut, er wollte mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Und da sie von seiner Arbeit auch nicht profitieren sollten, schnitt er allen Marionetten, an denen sie gemeinsam gearbeitet hatten, mit seinem Rasiermesser die Ohren ab. Dann ging er auf und davon, und es war zu befürchten, daß er anderswo seine Kunst ausübte. Seit dem Erfolg der neuen Filme versuchten auch andere sich im Marionettenbau.


Was war da zu machen? Wenn man ihn anzeigte, berief er sich auf das Autorenrecht. Man machte sich lächerlich. Man warf der Presse ein großes Fressen vor. Und Marionetten dieser Klasse konnte man ein abgeschnittenes Ohr ebensowenig wie natürlichen Menschen wieder anheften, vielleicht noch weniger.


Zapparoni hatte an diesem Vorfall wieder seine leidige Abhängigkeit erkannt. Wenn Signor Damico wiedergekommen wäre, so hätte er ihm verziehen. Der Mann war unersetzlich, denn man macht nicht so leicht Ohren, wie man Kinder macht. Der Vorfall hatte ferner gezeigt, daß die Aufsicht zu wünschen übrig ließ. Er hatte Zapparoni bewogen, zu Twinnings zu gehen. Der hatte mich zu ihm geschickt.


Übrigens hatte Zapparoni in der Tat die Ohren meinetwegen in das Sumpfloch werfen lassen und mich beobachtet. Das war der praktische Teil meiner Vorstellung. Was nun das Ergebnis angeht, so hatte ich nicht bestanden; ich war ungeeignet für den von ihm geplanten Posten, über dessen Art er weiter nichts mitteilte. Auch Caretti war ungeeignet gewesen; er saß in Schweden im Irrenhaus. Man konnte ihn nicht loslassen. Es war noch günstig, daß die Ärzte seine Sprüche für reine Phantasie hielten, für das Gefasel eines Menschen, den Wahngebilde ängstigten.


Ich konnte also nach Hause gehn. An den Tag würde ich zurückdenken. Mir fiel ein Stein vom Herzen, obgleich ich an Theresa dachte; sie würde traurig sein.


Indessen sollte ich mich noch einmal hinsetzen. Zapparoni hielt noch eine Überraschung für mich bereit. Es schien, daß er an dem Gutachten, das er mir in der Bibliothek über die weißen Fahnen abgefordert hatte, doch einige Vorzüge fand, wenngleich unter anderen Gesichtspunkten als den geforderten. Er meinte, daß ich einen gewissen Sinn für Parität hätte, für Gleichgewicht, für das, was den Teilen eines Ganzen zukommt, und daß ich vielleicht die Waage im Horoskop hätte. Er wußte ferner, daß ich in den Jahren, in denen ich bei der Panzerabnahme gewesen war, ein gutes Auge für Erfindungen gehabt hatte, obgleich ich dort auf der schwarzen Liste stand.


Nun wurden in seinen Werken täglich Erfindungen angemeldet, Verbesserungen vorgeschlagen, Vereinfachungen geplant. Die Arbeiter waren zwar schwer zu behandeln und oftmals Querulanten vom Schlage dieses Neapolitaners, aber geniale Burschen, und man mußte ihre Schwächen mit in Kauf nehmen, als Schattenseite ihrer Vorzüge. Ich könnte mir wohl denken, daß es bei dieser doppelten Begabung weder an guten Projekten fehlte, noch an all dem Streit und Hader, der zwischen Künstlern blüht. Jeder hält seine Lösung für die beste, und einen guten Gedanken will jeder zuerst gehabt haben. Man konnte das nicht vor die Gerichte tragen; hier fehlte ein internes Schiedsgericht. Hier wäre ein Mann von-nöten, der ein scharfes Auge für technische Dinge mit abwägender Kraft verbindet, was selten zusammentrifft. Er könnte sogar in den Begriffen ein wenig altertümlich sein.


»Rittmeister Richard, würden Sie das annehmen? Gut, dann will ich Sie drüben anmelden. Ich hoffe, daß auch ein Vorschuß Sie nicht kränken wird.«


Auf diese Weise war Twinnings doch noch zu seiner Vermittlergebühr gekommen, wenigstens von Zapparonis Seite; denn alte Kameraden versorgte er umsonst.


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Ich könnte jetzt schließen wie in den Romanen, in denen man zum guten Ende drängt.


Hier gelten andere Prinzipien. Heut kann nur leben, wer an kein happy end mehr glaubt, wer wissend darauf verzichtet hat. Es gibt kein glückliches Jahrhundert, aber es gibt den Augenblick des Glückes, und es gibt Freiheit im Augenblick. Selbst Lorenz, als er im Nichts hing, hatte noch einen Augenblick der Freiheit; er konnte die Welt ändern. Man sagt ja, daß während eines solchen Sturzes das ganze Leben noch einmal vorüberzieht. Das zählt zu den Geheimnissen der Zeit. Der Augenblick vermählt sich mit der Ewigkeit.


Ich werde vielleicht demnächst ausführen, was es mit diesem Schiedsrichterposten auf sich hatte und was mir in Zapparonis Bereichen widerfuhr. Wir kamen heut nur in die Vorgärten. Daß mein Hundsstern damit erloschen wäre, wird nur vermuten, wer nicht die Macht des Schicksals kennt. Wir brechen nicht aus unseren Schranken aus, nicht aus unserem Innersten. Daher auch ändern wir uns nicht. Gewiß, wir wandeln uns, doch wandeln wir in unseren Schranken, im abgesteckten Kreis.


Daß es bei Zapparoni an Überraschungen nicht fehlen würde, geht wohl aus dem Bericht hervor. Er war ein rätselhafter Mensch, ein Meister der Masken, der aus dem Urwald kam. Als er sich mir im Garten näherte, hatte mich sogar Ehrfurcht vor ihm ergriffen, als ob Liktoren vor ihm herschritten. Hinter ihm löschten die Spuren aus. Ich fühlte die Tiefe, auf der er gründete. Fast alle werden heute durch die Mittel beherrscht. Für ihn war das ein Spiel. Er hatte die Kinder eingefangen, sie träumten von ihm. Hinter dem Feuerwerk der Propaganda, dem Rühmen bezahlter Schreiber stand etwas anderes. Auch als Charlatan war er groß. Jeder kennt diese Südländer, über deren Wiege ein guter Jupiter stand. Oft ändern sie die Welt.


Gleichviel, ich habe ihm Lehrgeld gezahlt. Als er mich prüfte und dann an meinen Platz stellte, fühlte ich Liebe aufkeimen. Es ist schön, wenn einer kommt und zu uns sagt: »Wir wollen die Partie spielen — ich werde sie ausrichten«, und wenn wir es ihm zutrauen. Das nimmt uns viel ab.


Da gab es Gemächer, in die ich noch nie geschaut hatte, und große Versuchungen, bis endlich mein Hundsstern auch hier obsiegte. Wer aber weiß, ob nicht mein Hundsstern mein Glücksstern ist? Das wird erst das Ende ausweisen.


An diesem Abend aber, als ich in der kleinen Untergrundbahn zum Werk zurückfuhr, glaubte ich fest, daß er erloschen sei. Einer der Wagen, die ich am Morgen bewundert hatte, brachte mich in die Stadt. Es traf sich, daß hier und dort die Läden noch offen waren; ich konnte mir einen neuen Rock kaufen. Ich erstand auch für Theresa ein schönes Sommerkleid, ein rotgestreiftes, das an jenes erinnerte, in dem sie mir zuerst begegnet war. Es paßte wie angegossen; ich kannte genau ihr Maß. Sie hatte manche Stunde mit mir geteilt, vor allem die bitteren.


Wir gingen essen; es war einer der Tage, die man nicht vergißt. Schon bald begann sich zu verwischen, was mir in Zapparonis Garten begegnet war. Es ist am Technischen viel Illusion. Mit Treue aber behielt ich die Worte, die Theresa mir sagte, behielt das Lächeln, das sie begleitete. Sie war jetzt froh um mich. Es war ein Lächeln, das stärker war als alle Automaten, ein Strahl der Wirklichkeit. 1 2